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Rezension des Buches „Kinder machen“ von Andreas Bernard

Für das 500-Seiten starke Buch „Kinder machen“ des (damaligen) SZ-Journalisten Andreas Bernard aus dem Jahr 2014 wurden Spenderkinder-Mitglieder Anne und Stina interviewt und unser Verein kommt auch etwas ausführlicher darin vor. Die vier Kapitel thematisieren die Geschichte der Empfängnislehre, Samenspende, Leihmutterschaft und Eizellspende und zuletzt die in-vitro Fertilisation. Es handelt sich um eine kulturhistorische Untersuchung – Reproduktionsmedizin wird in den Kontext gestellt, wie wenig man lange Zeit über menschliche Fortpflanzung wusste, was tatsächlich faszinierend ist, und wie viel sich im letzten Jahrhundert und insbesondere seit Ende der 70er Jahre verändert hat. Ein größerer Teil des Buchs handelt von Entwicklungen in den USA, wo die in Deutschland verbotene Eizellspende und Leihmutterschaft zugelassen sind und sich ein großer, fast unreglementierter Fortpflanzungsmarkt entwickelt hat.

Das Buch ist gut geschrieben und wird jedem, der sich für Reproduktionsmedizin interessiert und mehr darüber erfahren möchte, sicherlich Spaß bei der Lektüre bereiten. Andreas Bernard schildert plastisch Begegnungen mit Reproduktionsmedizinern, Samenbankinhabern, Spenderkindern, einer Leihmutter und Eltern. Dabei nimmt er die sachliche Perspektive eines Kulturhistorikers ein und bleibt auch bei der Darstellung der ethischen Probleme bei dieser Herangehensweise.

Aus Perspektive der Spenderkinder wäre eine tiefergehende Diskussion der ethischen Probleme wünschenswert gewesen: wie wirkt sich die Ausblendung des Dritten auf die entstandenen Familien aus, was ist eigentlich die Bedeutung genetischer Abstammung, was bewirkt die Bezahlung der „Spender“. Bei Lektüre des Buches kann man den Eindruck gewinnen, als sei alles schon einmal dagewesen – „Leih“mütter in der Bibel und Ammen als nicht-genetischverwandte Aufzieherinnen – und alles Aufhebens über entsprechende Entwicklungen in der Reproduktionsmedizin übertrieben. Dabei wird nicht ausreichend gewürdigt, dass es die Menschen seit jeher beschäftigt, woher sie kommen und es auch historisch alles andere als egal war, wer Vater eines Kindes war (die Mutter war ja ohnehin klar). Und auch die Sklavinnen, die in der Bibel als „Leih“mütter dienten, hätten es verdient, dass auch ihre Perspektive gewürdigt wird.

Jedoch wird auch bei den eher neutralen Schilderungen deutlich, wie wenig das Kindeswohl im Fokus der Reproduktionsmedizin steht. Es geht lediglich darum, Eltern zu einem Kind zu verhelfen, die sich auch immer mehr dem Druck ausgesetzt sehen, alles zu versuchen was möglich ist. Genauso wird dargestellt, dass viele Reproduktionsmediziner nicht fähig sind, die mit ihrer Hilfe gezeugten Menschen als Subjekte mit eigenen Rechten, Gefühlen, und Wünschen wahrzunehmen. Andreas Bernard beschreibt auch ausführlich die Ausblendung des „Dritten“ durch die Eltern, die insbesondere von deutschen Reproduktionsmedzinern empfohlen wird.

Das Buch verlässt sich in vielen Teilen auf die Schilderung von Anekdoten und persönlichen Begegnungen und liest sich in Teilen eher wie eine Reportage. Das macht es angenehm zu lesen. Das beinhaltet aber gleichzeitig das Problem, dass Begegnungen mit einzelnen Repräsentanten wie einer Leihmutter oder einem Samenspender nicht repräsentativ sind. Trotzdem werden in dem Buch daraus oft bestimmte Einsichten gezogen. Diese Herangehensweise betrifft auch das Kapitel über uns Spenderkinder (ab S. 124). Der unvoreingenommene Leser kommt bei der Schilderung der vier Einzelfälle möglicherweise zu dem Schluss, dass Spenderkinder ein generelles Probleme mit ihrer Zeugungsweise haben. Nur kurz wird zum Schluss mit der Bezeichnung „genetische Lücke“ dargestellt, dass das eigentliche Problem die für viele Spenderkinder de facto vorhandene Anonymität der genetischen Väter ist, der „Spender“.

Korrektur der rechtlichen Aussagen

Aus unserer Perspektive müssen wir auch klarstellen, dass die Dokumentationsdauer für Spenderdaten in Deutschland nicht bis 2007 nur 10 Jahre betrug – die Berufsordnung für Ärzte wies jahrelang darauf hin, dass Daten länger aufbewahrt werden müssen, wenn angenommen werden muss, dass ein Grund hierfür besteht. Auch durfte Spendern in Deutschland nie – und nicht nur nach aktueller Rechtslage – Anonymität gewährt werden. Darauf weist schon der Beschluss der Ärztekammer von 1970 hin, mit dem Samenspenden nicht mehr als „nicht standesgemäß“ beurteilt wurden. Grund für das Verbot der Leihmutterschaft in Deutschland ist insbesondere auch, dass die Bestellung und Abgabe eines Kindes gegen Entgelt als Verletzung der durch Art. 1 Grundgesetz geschützten Würde des Kindes gesehen wird, weil der Leihmutterschaftsvertrag es zum Handelsobjekt macht (siehe zum Beispiel KG Berlin, Beschluss vom 01.08.2013, S. 8.).

Fakten zum Verein Spenderkinder

Da das Buch aus dem Jahr 2014 stammt, sind einige Fakten aus dem Buch über unseren Verein veraltet. Wir haben inzwischen deutlich mehr Mitglieder, auch Männer, und viele von uns haben inzwischen Verwandte über DNA-Datenbanken gefunden.

Die Vermutung des Autors, Spenderkinder studierten eher Psychologie, weil ihre Existenz so schwierig sei (S. 129), halten wir für etwas überfrachtet. Wir haben genauso viele Ärztinnen wie Psychologinnen als Mitglieder.

Eine der Forderungen unseres Vereins wird missverständlich dargestellt: wir haben nie gefordert, die Möglichkeit für Kinder abzuschaffen, die Vaterschaft des nicht genetischen Vaters nach § 1600 Abs. 1 Nr. 4 BGB anzufechten. Einen solchen, oft von den Wunscheltern geforderten Ausschluss lehnen wir sogar ausdrücklich ab und halten ihn für eine Verletzung des Rechts auf Kenntnis der Abstammung. Wir haben früher, wie auch in dem darauf folgendem Absatz im Buch richtig zitiert, die Abschaffung der Möglichkeit gefordert, den Spender als Vater rechtlich feststellen zu lassen. Das ist aber rechtlich nicht mit einer Anfechtung verbunden. Kann ein Spenderkind anfechten, aber niemand anderen als Vater feststellen lassen, ist es danach rechtlich vaterlos.

Ein lesenswertes Buch

Alles in allem handelt es sich um ein wirklich lesenswertes Buch. Sehr aufschlussreich ist auch das Kapitel über die deutschen Reproduktionsmediziner. Der Schlussthese von Andreas Bernard, dass sich die Familie nicht aufgrund von Reproduktionsmedizin auflöst, sondern dass sie die Integration von Dritten bewerkstelligt und somit eine Erweiterung des Familienbegriffs stattfindet, stimme ich zu. Leider bleibt es in Realität oft noch bei einer möglichen Familienerweiterung. Dieser Prozess findet oft nicht statt, weil Eltern die Abstammung von einem Dritten vor den Kindern geheim halten oder den Dritten Anonymität gewährleistet (oder aufgezwungen) wurde. Daher bleibt zu hoffen, dass auch mehr Eltern die Vorteile dieser erweiterten Familie erkennen werden.

Sarah am 16. April um 22.25 Studiogast bei ZDF log in

Spenderkinder-Vorständin Sarah war am 16. April 2014, einer der Gäste bei ZDF log in zum Thema „Unter allen Umständen: Gibt es das Recht auf ein Kind?“ Die Sendung kann in der ZDF-Mediathek angesehen werden.

Bei der Sendung log in diskutieren die Gäste Giovanni Maio, Professor für Medizinethik, und Matthias Bloechle, Reproduktionsmediziner, das Thema in einer Pro-und-Contra-Konstellation. Weitere Gäste wie Sarah und die Autorin Millay Hyatt bringen im Verlauf der Sendung neue Aspekte in die Diskussion. Die Zuschauer können sich durch Kommentare, Tweets, Chat und Abstimmung aktiv an der Sendung beteiligen.

Die Sendung läuft ab 22.25 Uhr auf ZDF info und kann auch im webstream gesehen werden.

Der Ankündigungstext von ZDF log in:

„Kinderwunsch mit 50? Kein Problem. Der Natur ein Schnippchen schlagen, der Traum vieler kinderloser Paare. Doch muss alles, was medizinisch geht, auch gemacht werden? Gibt es ethische Grenzen? Was ist erlaubt, was nicht? Welche Konsequenzen haben die unterschiedlichen Methoden für Frauen, Männer und Kinder? Samenspende, Hormonspritze, Leihmutter: Das Geschäft mit dem Kinderwunsch boomt. Falsche Versprechen oder Happy End im Labor?“

3sat Kulturzeit am 10. April zu Kinder machen von Andreas Bernard

In der Sendung Kulturzeit auf 3sat wurde am Donnerstag, 10. April 2014 das Buch Kinder machen von Andreas Bernard besprochen. Neben einem Interview mit dem Autor Andreas Bernard gibt es ein Beitrag zum Thema Spenderkinder und unsere Erzeugung durch Reproduktionsmedizin, in dem Spenderkinder-Mitglied Stina zu Wort kommt.

Zu dem Buch Kinder machen sind außerdem Rezensionen bei der FAZ, der Zeit und der Welt erschienen. Einige unserer Mitglieder lesen das Buch gerade auch und werden bald eine eigene Rezension verfassen.

Der Vergleich von Frau Lewitscharoff mit Halbwesen ist treffender als in der Diskussion angenommen

Wir vom Verein Spenderkinder haben überlegt, ob wir uns überhaupt zu den Aussagen der Schriftstellerin und Georg-Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff äußern sollen, die in einer Rede am Sonntag durch Reproduktionsmedizin gezeugte Menschen als „Halbwesen“ und „ekelhaft“ bezeichnet hat. Da wir mehrere Anfragen zu dem Thema erhalten haben, möchten wir jetzt aber doch noch unsere Gedanken zu dieser Debatte sagen. Natürlich sind wir grundsätzlich entsetzt, mit derart diskriminierenden Äußerungen konfrontiert zu werden. Viele von uns wären vorher nie auf den Gedanken gekommen, dass wir als „nicht normal“ angesehen werden. Andererseits war Frau Lewitscharoff den meisten von uns vorher nicht bekannt, und die Abwertung einer gesamten Gruppe als nicht vollständige Menschen ist derartig primitiv, dass sie eigentlich schon selbstentlarvend ist und nicht noch durch eine breitflächige Auseinandersetzung mit dieser Meinung aufgewertet werden muss. Selbstverständlich wohnt einem Menschen, ungeachtet dessen, wie andere ihn sehen oder was andere sagen, seine Würde inne und natürlich auch uns.

Zwar hat Frau Lewitscharoff die Äußerungen zu Ekel und den Halbwesen inzwischen zurückgenommen und bedauert. Trotzdem überrascht es doch sehr, dass eine Autorin, die ihren Lebensunterhalt mit dem Gebrauch von Sprache verdient, solche Äußerungen in einer vermutlich vorbereiteten Rede unbedacht gemacht haben will.

Wir unterscheiden dabei aber deutlich zwischen unserer eigenen Würde und den Methoden der Reproduktionsmedizin. Nur weil wir mit Hilfe der Reproduktionsmedizin entstanden sind, müssen wir das Verfahren nicht für würdevoll halten und auch sonst die Methoden der Reproduktionsmedizin nicht verteidigen – insbesondere weil diese Verfahren oft angewandt werden, ohne die Würde der entstehenden Menschen zu achten. Es ist daher bedauernswert, dass angesichts dieser schrillen Bezichtigungen in Frau Lewitscharoffs Rede die Auseinandersetzung damit, welche Methoden zu Beginn und am Ende eines Lebens würdevoll sind und was zur Umsetzung des Kinderwunsches erlaubt sein soll, aus dem Fokus geraten sind. Ganz abgesehen von ihren Darstellungen ist damit eine besondere Verantwortung verbunden, der man sich bewusst sein sollte, wenn man sich dafür entscheidet.

Uns freut, aber überrascht auch, wie selbstverständlich in Leserkommentaren zu Frau Lewitscharoffs Äußerungen plötzlich von allen Seiten unsere Würde verteidigt wird und Achtung uns gegenüber gefordert wird. Diese Reaktionen hätten uns vor einem Jahr, rund um den Prozess vor dem OLG Hamm, sehr gefreut. Da sah das aber teilweise ganz anders aus. Von vielen Seiten mussten wir uns anhören, wir seien selbstsüchtig und sollten froh sein, überhaupt am Leben zu sein und Eltern zu haben, die uns wollten.

Von der Art, wie wir von solchen Kommentaren, manchen Kinderwunschpaaren und Reproduktionsmedizinern behandelt werden, ist der Vergleich mit Halbwesen treffender, als diesen vermutlich lieb ist. Wenn uns gesagt wird, dass wir überhaupt nicht von unserer Zeugungsart oder unserer Abstammung wissen sollen, werden wir nicht wie normale Menschen mit Anspruch auf Respekt und Würde behandelt. Daher ist es erfreulich, dass wir auf diese Weise von so breiter Masse unsere Würde bestätigt bekommen. Da kann der Schritt zur Respektierung unserer Rechte und Bedürfnisse ja nicht mehr weit sein. Insofern vielen Dank an Frau Lewitscharoff!

Andere Länder, andere Gesetze

Andere Länder, andere Gesetze – das ist selbstverständlich und trifft auch auf die Regelung von Samenspenden und anderen reproduktionsmedizinischen Verfahren in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern zu. Seit ein paar Tagen ist die Neubearbeitung von Andere Länder online, wo wir die rechtliche Lage in anderen Ländern besprechen – mit einem Fokus auf europäische Länder und das Recht von Spenderkindern auf Kenntnis ihrer Abstammung.

Bei der Neubearbeitung haben wir uns bemüht, die tatsächlichen Rechtsgrundlagen ausfindig zu machen und zu verlinken, damit alles im Original nachgelesen werden kann. Wir hoffen, dass die Verweise auf andere Länder gerade bei der Formulierung des Auskunftsrechts von Spenderkindern – das ja im Koalitionsvertrag steht – eine Inspiration sein werden – auch dafür, dass es nicht nur bei einem Auskunftsrecht bleibt, sondern die reproduktionsmedizinischen Verfahren umfassend geregelt werden. Besonders vorbildhaft sind die Regelungen in Großbritannien und der Schweiz. 

2 Aspekte finde ich besonders auffällig: Zuerst besitzt fast jedes andere europäische Land mehr Regelungen zur Reproduktionsmedizin als Deutschland. Hier gibt es nur das relativ knappe Embryonenschutzgesetz, das Eizellspenden und Leihmutterschaft untersagt und regelt, wie man mit Embryonen umgehen soll. Welchen Regelungen aber Samenspenden unterliegen und welche Rechte die Betroffenen haben, wird nur rudimentär im BGB-Familienrecht geregelt und ansonsten den Ärzten überlassen, die natürlich erhebliche Eigeninteressen haben. Das ist in fast keinem anderen europäischen Land so und ich frage mich, wie man auf die Idee kam, den Embryo besser zu schützen als die über 100.000 Spenderkinder, die ja unbestritten existierende Menschen sind.

Zweitens fällt bei einem Vergleich der rechtlichen Regelungen in Europa auf, dass es bei der Frage, ob anonyme Spenden von Fortpflanzungszellen verboten sind, ein deutliches Nord-Süd Gefälle gibt. In Schweden, Norwegen, Finnland, Großbritannien, den Niederlanden, Deutschland, Österreich und der Schweiz sind anonyme Spenden verboten. In Belgien, Frankreich, Spanien und Tschechien sind anonyme Spenden dagegen verpflichtend oder zumindest die Regel. Ich vermute, dass diese Unterschiede mit der politischen Kultur der jeweiligen Länder und auch der religiösen bzw. weltlichen Prägung zu tun haben. Die Länder, die anonyme Spenden verbieten, haben alle eine eher offene politische Kultur und sind eher evangelisch-weltlich geprägt. Etwas aus dem Rahmen fällt dabei nur Dänemark, wo Spender die Wahl haben. Vermutlich beeinflusst hier aber auch die Tatsache, dass die weltweit größten Samenbanken ihren Sitz in Dänemark haben, die rechtlichen Regelungen.

Die Länder mit anonymen Samenspenden sind dagegen eher katholisch und noch von einem konservativen Familienbild geprägt. Meine Vermutung ist, dass man in solchen Ländern eher davon ausgeht, dass die Familie vor dem Spender als Dritten geschützt werden muss (daher die Anonymität) und das Kindeswohl nicht als eigenen Belang berücksichtigt. In Frankreich laufen Samen- und Eizellspenden sogar ausschließlich über staatliche Kliniken ab – als hätte der Staat eine Pflicht, Paaren zu Kindern zu verhelfen. Der Spender hat noch nicht mal das Recht, freiwillig auf seine Anonymität zu verzichten. Italien ist einen ganz anderen Weg gegangen und hat jegliche reproduktionsmedizinischen Verfahren mit den Fortpflanzungszellen Dritter untersagt.

Spannend wird die Frage sein, wie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte angesichts der sehr unterschiedlichen nationalen Regelungen das Recht von Spenderkindern auf Kenntnis ihrer Abstammung im Rahmen des Rechts auf Familie nach Art. 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention beurteilen wird. Es ist möglich, dass sie in nicht allzu ferner Zeit einen Fall aus Frankreich bekommen werden. In der Vergangenheit hat das Gericht besonders die Rechte leiblicher Väter gestärkt – es wäre an der Zeit, dass dies auch für die Rechte leiblicher Kinder getan wird.

Film Vaterfreuden seit gestern im Kino

Samenspenden und die Verbindungen, die dadurch zwischen eigentlich fremden Menschen geschaffen werden, sind in den letzten Jahren zunehmend zur Inspiration von Filmen geworden (zuletzt: Starbuck bzw. dessen amerikanisches Remake Delivery Man, The Kids are alright, Umständlich verliebt, The Backup Plan). Seit gestern gibt es auch einen deutschen Film zu dem Thema: Vaterfreuden (Trailer) von und mit Matthias Schweighöfer, den wir uns im Rahmen eines Mini-Spenderkinder-Kinoabends angesehen haben.

Die Story: Felix (Schweighöfer) wird von seinem Bruder auf die Idee gebracht, Samen zu spenden. Kurz darauf wird er von einem Frettchen sterilisiert. Er merkt, dass er doch gerne Vater sein möchte und versucht herauszufinden, wer die Empfängerin seiner Samenspende ist. Durch illegale Mithilfe seines Bruders erfährt er, dass die Fernsehmoderatorin Maren die Mutter seines Kindes wird. Er versucht, ihr näher zu kommen – leider ist sie jedoch kurz davor, ihren Freund Ralph zu heiraten.

Auch wenn die Geschichte sich etwas klamaukartig und erwachsenenzentriert anhört, waren wir doch positiv überrascht. Zwar kommt die Perspektive der Spenderkinder – wie fühlt man sich, wenn der genetische Vater sich hauptsächlich etwas dazuverdienen möchte und man erst ab 18 (oder 16) erfahren kann, wer er ist – nicht vor. Keiner der Beteiligten macht sich irgendwelche Gedanken darüber, wie sich das Kind fühlen wird oder wie man nach der Geburt damit umgehen wird. Nur der Arzt erwähnt in einem Nebensatz, dass das Kind mit 18 herausfinden kann, wer der genetische Vater ist.

Ein paar andere Aspekte werden aber trotzdem gut dargestellt: Felix steht zu Beginn für einen Samenspender, wie ihn die Vorurteile konstruieren. Aber er entwickelt sich im Laufe des Films stets weiter. Zunächst nur das schnelle Geld, dann die Einsicht, dass wirklich Leben entstehen wird. Nach der Diagnose, dass er selbst unfruchtbar geworden ist, sind die durch seine Samenspende gezeugten Kinder die einzige Möglichkeit für ihn, noch Nachwuchs zu haben. Einige ehemalige Spender haben vermutlich ebenso keine Kinder bekommen und sie interessieren sich  (aus diesem oder auch einen anderem Grund) auch für die Spenderkinder. Als Felix feststellt, dass gar nicht sein Sperma bei Maren genutzt wurde, fällt er ein weiteres Mal in eine Krise. Nach einem Gespräch mit seinem Vater wird ihm jedoch klar, dass „eine Familie durch Liebe entsteht“ und entscheidet sich für Maren und das Kind eines anderen Samenspenders. Hier nimmt er die Rolle eines unfruchtbaren Mannes ein, der durch eine Samenspende mit seinen Frau ein Kind bekommen kann. Damit wird deutlich aufgezeigt, dass eine Familie die so entsteht, genauso glücklich werden kann, wie eine „normale“, wenn man richtig damit umgeht und sich damit auseinandersetzt.

Marens Freund Ralph steht nicht wirklich hinter der Samenspende und dem Konzept, ein genetisch nicht eigenes Kind aufzuziehen, sondern macht es eher aus Schuldgefühlen. Das sagt er seiner Freundin Maren aber erst im Streit, als sie schon durch die Samenspende schwanger ist. Das entspricht unseren Erfahrungen, dass sich die Beteiligten nicht selten unüberlegt zu einer Samenspende entscheiden, um lösungsorientiert mit ihrem Verlust umzugehen, kein eigenes Kind zu bekommen. Ebenfalls spiegelt es die oft schlechte Beziehung zwischen sozialem Vater und Spenderkind wider, weil sich der Vater nicht richtig auf das „fremde“ Kind einlassen kann. Oft zerstört gerade der Druck die Beziehung und der Mann kommt mit seiner Unfruchtbarkeit nur schlecht klar. Ralph flüchtet sich in eine andere Welt, in dem er eine Affäre beginnt und sich betrinkt.

Und zuletzt: in einer Vorschau sieht man, wie das Spenderkind im Alter von ca. 4 Jahren darüber aufgeklärt wird, was eine Samenbank ist und was das mit ihr zu tun hat – von beiden Eltern und ohne große Bedenken. Besonders der letzte Aspekt war sehr schön, und deswegen finden wir den Film auch aus unserer Perspektive ganz gelungen.

Allerdings ist nicht ganz auszuschließen, dass manche Eltern aufgrund solcher Geschichten tatsächlich denken, dass sich der Spender in ihr Leben einmischen und ein „echter“ Vater sein möchte. Ähnliche Gedanken haben wir schon aufgrund von „The Kids are alright gehört“, in dem der Spender auf einmal eine Beziehung mit der Mutter anfängt. Das könnte manche Eltern vielleicht davon abhalten, offen mit der Samenspende umzugehen und dem Kind vielleicht auch schon vor dem Alter von 16 oder 18 Jahren eine Kontaktaufnahme zu dem Spender zu ermöglichen. Alle Spender von denen ich bisher gehört habe, sehen dies aber gerade nicht so – und hoffentlich sehen auch die meisten Eltern, dass es sich hierbei um ein nettes Thema für eine romantische Komödie handelt, aber eher nicht um die Realität. Die Liebesgeschichte dient dem Film als eine Verbindung zwischen allen Beteiligten.

Alles in allem schafft der Film aber den Drahtseilakt, im Rahmen einer Komödie einen Zugang zu diesem Thema zu schaffen und regt hoffentlich einige Menschen zu Gedanken hierüber an.

Eindrücke von Eva, Sarah und Stina

Zwei interessante Beiträge im britischen Guardian

Im britischen Guardian sind zwei interessante Artikel über Samenspenden erschienen.

Who is my sperm donor father“ über das 21jährige Spenderkind Natasha Fox ist schon fast ein Jahr alt. Natasha ist das Kind einer alleinstehenden Mutter, die sich für eine Samenspende entschieden hat, weil sie nicht den passenden Mann gefunden hat. Wie fast alle Spenderkinder von diesen solo mums und lesbischen Paaren weiß sie seit dem Kleinkindalter von ihrer Entstehungsweise. Es ist spannend zu lesen, wie sie von Anfang an sehr unbefangen damit umgeht, sie sich aber ab dem Alter von 12 Jahren eine Vater-Tochter Beziehung wünscht und sie die Anonymität des Spenders schmerzt. Inzwischen sucht sie nicht mehr nach einem Vater, sondern möchte nur mehr über den Spender erfahren und ihre Halbgeschwister kennenlernen. Der Artikel zeigt, dass die von manchen Eltern geäußerte Erwartung (oder Hoffnung), ihre Spenderkinder würden sich bei früher Aufklärung nicht für den Spender interessieren, keine Grundlage hat.

In dem Artikel „I fathered 34 children through sperm donation“ vom 31. Januar 2014 erzählt ein ehemaliger britischer Samenspender, dass er sich mit eher wenigen Gedanken in den 90ern dazu entschloss. Interessanterweise änderte sich seine Perspektive dann, als er selbst Vater wurde: „Looking back I can see that becoming a father made me more conscious of the consequences of my earlier actions.“ Leider führte erst das Ende seiner Ehe dazu, dass er sich entschloss, bei der britischen Regulierungsbehörde HFEA nachzufragen, was aus seinen Spenden geworden ist. Dass er 34 Kinder gezeugt hat, kam dann doch sehr überraschend für ihn. Als er den zuerst erwähnten Artikel letztes Jahr las, entschloss er sich, gegenüber der HFEA auf seine Anonymität (die für Spender zwischen 1991 und 2004 in Großbritannien besteht) zu verzichten. „I came to feel that to deny someone the opportunity to try to find what he or she is seeking would be an act of selfishness on my part.“ Vor kurze hat das erste seiner Kinder bei der HFEA Informationen über ihn angefordert. Bleibt zu hoffen, dass es mehr ehemalige Spender wie ihn gibt.

Interview mit Sarahs Spender Hubertus

Als unsere Vorständin Sarah im Februar letzten Jahres den Prozess vor dem OLG Hamm gegen den Arzt ihrer Eltern gewann und dieser dazu verurteilt wurde, Sarah Auskunft über ihren genetischen Vater, den damaligen Spender, zu erteilen, war die Aufregung groß. Insbesondere in Kommentaren konnte man oft lesen, der Spender wolle doch gar nichts von den durch ihn gezeugten Kindern wissen, weswegen sie in sein Leben eindringen wolle.

Da hatten viele allerdings zu viel Schlechtes erwartet: Hubertus, Sarahs Spender, las einen Artikel über den Prozess und meldete sich von selbst bei Sarah. Das Urteil gegen den Arzt musste daher nicht vollstreckt werden. Inzwischen haben sich beide mehrmals getroffen und die Verwandtschaft auch über den Family Finder Test bestätigen lassen.

Wir freuen uns alle sehr, dass es für Sarah einen so guten Ausgang genommen hat und hoffen natürlich, dass es mehr Spender wie Hubertus gibt. Hubertus war so freundlich, uns für unsere Internetseite seine Perspektive als Spender darzustellen:

Aus welchen Gründen hast Du Dich damals entschieden, Samenspender zu werden?
Ich fand die Idee sehr gut einem kinderlosen Paar zu einem Wunschkind zu verhelfen und die Einnahmen waren mir als Student willkommen.

Was hat man Dir damals zu der Samenspende gesagt?
Von ärztlicher Seite: wenig. Es ging eher um die Organisation. Ich wurde darüber informiert, dass ich anonym bleibe und auch selbst nichts über die Kinder oder Eltern erfahren werde. Aber ich wurde einmal informiert, dass die Insemination erfolgreich verlaufen sei.

War es Dir damals wichtig, dass Du gegenüber den Empfängern und dem Kind anonym bleibst?
Eigentlich nicht. Andererseits war ja klar, dass die Spenden anonym verlaufen. Damals – mit Anfang 20 – war ich auch der Überzeugung, dass die genetische Abstammung keine große Rolle spielt und nur die Erziehung und das soziale Umfeld (bzw. die Prägung durch Mutter und Vater) zählt. Wissenschaft und Gesellschaft sehen das heute auch differenzierter.

Hast Du Deiner Familie und/oder Freunden erzählt, dass Du Samenspender warst?
Nein. Die Ärzte haben mir das damals ausdrücklich empfohlen. Aber seit ich Sarah kennengelernt habe, erzähle ich davon den Menschen, die mir wichtig sind.

Hast Du in den darauf folgenden Jahren manchmal an die Kinder gedacht, die durch Dich gezeugt wurden?
Ich habe mir schon manchmal Gedanken gemacht. Mich interessierte, ob es vielleicht Ähnlichkeiten gibt, es ihnen gut geht und sie in einer glücklichen Familie aufwachsen. Meine Spendernummer habe ich daher nie vergessen.

Wie hast Du davon erfahren, dass Sarah über die Klage gegen den Arzt ihrer Eltern nach Dir sucht?
Ich las zufällig einen Artikel über Sarah, in der ich meine Spendernummer las. Das war natürlich der Hammer! Und ich war mir gleich sicher, Sarahs Spendervater zu sein. Über Sarahs Suche und die Klage hatte ich vorher nichts mitbekommen.

Hat Dir das irgendwie Angst gemacht oder wusstest Du gleich, dass Du Dich bei ihr melden möchtest?
Ich wusste sofort, dass ich mich bei Sarah melden möchte und habe direkt die Redakteure des Artikels angeschrieben, um Kontakt zu Sarah aufnehmen zu können.

Warst Du aufgeregt, bevor Du Sarah das erste Mal getroffen hast?
Ja sehr, obwohl wir uns vorher geschrieben hatten und wir schon etwas voneinander wussten. Ich hatte zudem die Sorge, dass Sarah jemand ganz anderes erwartet und ich ihren Vorstellungen von ihrem Spendervater enttäuschen würde.

Habt ihr Ähnlichkeiten entdeckt?
Sarah hat direkt Ähnlichkeiten entdeckt.

Denkst Du dass ihr eine besondere Beziehung dadurch habt, dass ihr genetisch verwandt seid?
Ich denke schon. Aber wir haben uns schon gut verstanden, bevor wie genau wussten, dass wir genetisch verwandt sind.

Bist Du dazu bereit, weitere Spenderkinder von Dir kennenzulernen?
Natürlich bin ich dazu bereit. Über „Family Tree DNA“ sind meine Daten registriert.

Wie nennst Du Dich im Verhältnis zu Sarah: Samenspender, Spender, genetischer Vater oder Vater?
Ich finde, dass der Begriff “Vater” nur Sarahs Papa, dem sozialen Vater, zusteht.

Denkst du dass Samenspenden in Deutschland anders geregelt werden sollten?
Auf jeden Fall. Die rechtliche Situation von Kindern, Eltern und Spendern sollte klar geregelt werden. Spenderkindern und Spendern sollte die uneingeschränkte Möglichkeit gegeben werden, voneinander zu erfahren. Das setzt natürlich voraus, dass die Eltern ihre Kinder informieren. Die Beratung und Betreuung der Eltern sollte fester Bestandteil der Behandlung sein. Die Reproduktionspraxen sollten einer starken staatlichen Kontrolle unterliegen.

Neuer Vorstand

Spenderkinder hat gerade einen neuen, leicht erweiterten Vorstand gewählt. Bestätigt wurden Sarah als Vorständin und Babett als Stellvertreterin. Neu sind Leni für Mitgliedschaft, Anne für Öffentlichkeitsarbeit und ich für Rechtliches. Der Vorstand wird jedes Jahr neu gewählt.